Mitte. Museum. Mahnmal.

Das folgende Nutzungskonzept ist als Vorschlag nach der Befragung zahlreicher Magdeburger Experten aus den Bereichen Kirche, Politik, Städtebau, Museen, Musik, etc. entstanden. Des Weiteren fragten wir viele Bürger und unsere Mitglieder nach ihren Vorstellungen zur Nutzung der Ulrichskirche. Was fehlt in der Stadt? Was braucht Magdeburg? Hierbei wurde häufig die fehlende Altstadt beklagt, die Reduzierung der Innenstadt auf Einkaufsneubauten, das Fehlen von Rückzugsorten und das Fehlen eines Mahnmals für die Zerstörung der Stadt am 16. Januar 1945. Wir haben die vielen Anregungen und Wünsche daher in das folgende Nutzungskonzept einfließen lassen. Wir wünschen uns eine intensive Diskussion unserer Vorschläge in den Ausschüssen des Stadtrates, ähnlich wie es in Berlin bei der Erarbeitung eines Nutzungskonzeptes für das Berliner Stadtschloss geschehen ist. Zum Vergleich finden Sie unten noch das Nutzungskonzept der Potsdamer Garnisonkirche.

Mitte. Der Wiederaufbau der Ulrichskirche gibt der Magdeburger Altstadt ihre durch den Zweiten Weltkrieg und den sozialistischen Wiederaufbau genommene städtebauliche und geistige Mitte zurück. 



Harmonisch flankieren die beiden Kopfbauten das Doppelturmpaar der Ulrichskirche

So wird der Magdeburger Innenstadt ein Teil ihres berühmten und unverwechselbaren Stadtbildes zurückgegeben, sie erhält ihre städtebauliche Mitte zurück. Es resultiert eine Verdichtung und Belebung des weitläufigen Ulrichplatzes. Dieser kann durch die Kirche in seiner Mitte erst seinem Anspruch als urbaner Stadtplatz gerecht werden. Das Kuratorium Ulrichskirche e.V. sieht im Wiederaufbau der Magdeburger Ulrichskirche auch einen entscheidenden Beitrag zur Stärkung der Magdeburger Identität. Der Grundstein der Ulrichskirche wurde unter den Ottonen gelegt, durch deren Wirken das Land entstand, welches wir heute Deutschland nennen. Die Ulrichskirche steht symbolisch für die enge Freundschaft zwischen Otto dem Großen und Ulrich von Augsburg, die durch ihren Sieg über die Ungarn im Jahre 955 die Geburtsstunde der Deutschen einläuteten. Die Magdeburger Bürger weihten aus Dankbarkeit und Anerkennung ihre zweite Pfarrkirche Ottos engstem Vertrauten, Bischof Ulrich. Sie steht damit auch symbolisch für die Stunde "Null". Als Tauf- und Heiratskirche Otto von Guerickes steht sie selbstredend in ihrer Bedeutung für das Magdeburger Bürgerverständnis ganz weit oben. Mit dem kommenden Tunnelbau in der Innenstadt Magdeburgs wird sie das erste Bauwerk sein, das der Ankommende von der Altstadt erblickt. St. Ulrich ist das Entrée in die Stadt, wird zur Visitenkarte und stiftet automatisch Identität. Ihre 76 Meter hohen Türme komplettieren die Silhouette und ragen nach Vorbild des Magdeburger Domes hoch in den Himmel.



Erster Blick des Autofahrers auf die Altstadt nach Fertigstellung des Tunnelbauwerks

Neben der städtebaulichen Mitte soll die Ulrichskirche auch eine geistige Mitte der Bürgerstadt Magdeburg sein. Der Förderverein favorisiert eine moderne sakrale Teilnutzung als ein Haus für uns alle und steht deshalb in Kontakt mit der evangelischen Kirche. Durch acht Kirchensprengungen wurde die Kirche in Magdeburg bewusst an den Rand des Stadtzentrums gedrängt, die Bürgerkirche Sankt Ulrich und Levin soll daher wieder ein geistiger Mittelpunkt sein, ähnlich wie es die vielen Citykirchen in den alten Bundesländern sind. Angestrebt wird daher eine Teilnutzung als Citykirche. Was ist eine Citykirche, wie definiert sie sich? Citykirchenarbeit, meint ein über die Ortsgemeinde hinausreichendes, auf die Stadt und all ihre Bewohner ausgerichtetes öffentliches Handeln der Kirche. Seinen zentralen Bezugs- und Ausgangspunkt besitzt dieser Dienst in einer Innenstadtkirche oder Citykirche. Diese befindet sich in der Stadtmitte, strahlt vom Gebäude her öffentlich aus – was ihr Alter betrifft, ihre ästhetische Anmutung und die symbolische Bedeutung. Außer von der Ortsgemeinde wird sie auch von der Stadt und anderen kirchlichen Institutionen und Gruppen wahrgenommen und genutzt. Als Beispiele seien hier die Berliner Marienkirche, der Berliner Dom, St. Marien und die KWG in Berlin, die Peterskirche in Görlitz, die Nikolaikirche in Potsdam, die Klosterkirche in Cottbus, die Marienkirche in Frankfurt/O. und der Brandenburger Dom genannt. Die Innenstadtkirchen zeichnet aus, dass sie - täglich geöffnet sind und dass mehrmals wöchentlich darin Andachten und Gottesdienste gefeiert werden. Sie sind begehbare Glaubenswelten, die die Erinnerung an die Botschaft Jesu tag täglich wach halten. Sie sind Herbergen für die überhörten und verdrängten Menschen unserer Zeit. Sie sind öffentliches Schaufenster und Foyer der Kirche mitten in der Gesellschaft. Ihnen kommt eine Schanierfunktion zwischen den Ortsgemeinden und den Menschen und Lebensbereichen zu, die über den Wohnort nicht mehr erreicht werden. Sie bieten den verlorenen Sehnsüchten und den suchenden Seelen unserer Tage, Raum (Quelle: www.marienkirche-berlin.de/de/ueber_uns/citykirche_st_marien/).



Innenansicht der Ulrichskirche, Blick von der Südempore in das Schiff und auf die Orgel

Der Prozess des Wiederaufbaus der Ulrichskirche gibt der "Lutherstadt" Magdeburg die einmalige Chance, sich mit ihrer großen protestantischen Vergangenheit als "Unseres Herrgotts Kanzlei" auseinanderzusetzen und ihr ein Denkmal zu setzen. Ziel ist es deshalb, die Ulrichskirche zum "Schrein" für die weltberühmten Streitschriften und Magdeburger Centurien zu machen. Diese sollen an ihrem Entstehungsort in einer klimatisierten Vitrine eine Daueraustellung finden. Des Weiteren ist angedacht, den Initiator der Streitschriften und Centurien, Matthias Flacius (1520-1575) in der Ulrichskirche in Form eines Denkmals zu ehren, so wie es bereits in seinem Geburtsort Labin/Kroatien und in Jena der Fall ist. Da die Ulrichskirche der Bekennenden Kirche im "Dritten Reich" eine Plattform bot, steht sie symbolisch auch für den Widerstand gegen den Hitlerfaschismus. Die Bekennende Kirche war eine Oppositionsbewegung in Zeiten des Nationalsozialismus, die sich gegen die Gleichschaltung von Lehre und Organisation der Deutschen Evangelischen Kirche wehrte. Die Ulrichskirche, die vor der Zerstörung Magdeburgs beliebteste Heiratskirche war, könnte auch in diesem Punkt an ihre Tradition anknüpfen und für kirchliche Trauungen genutzt werden. 



Klimatisierte Vitrine für die Dauerausstellung der Streitschriften und Centurien

Museum. Die bedeutende Magdeburger Musikgeschichte, welche sich vor allem nach Einführung der Reformation mit den städtischen Musikdirektoren Agricola, Dressler, Grimm und Weißensee herausbildete, trug mit dazu bei, dass wir heute die Fülle mitteldeutscher Barockmusik mit Bach, Händel und Telemann genießen können. Während Bach und Händel in Leipzig und Halle in Museen geehrt werden, ist dies in Magdeburg für Georg Philipp Telemann noch nicht der Fall. Das Fehlen einer musikgeschichtlichen Dauerausstellung wird von Experten und Musikliebhabern gleichermaßen beklagt. Die mitteldeutsche Barockmusik ist ein Alleinstellungsmerkmal, nicht nur für Halle und Leipzig, vor allem auch für Magdeburg. Die Ulrichskirche könnte diese Lücke füllen, zumal ihrem Kirchenschiff in Sachen Akustik von den Experten Bestnoten bescheinigt werden und die wiederherstellbare Schnitger-Orgel die Orgellandschaft Magdeburgs komplettieren würde. Die von vielen Musikern angeregte Nutzung des Kirchenschiffes als Konzerthalle wäre eine logische Konsequenz und ergänzt das angedachte Telemann-Museum auf ideale Art und Weise. 

Alleinstellungsmerkmal mitteldeutsche Barockmusik: Bach, Händel, Telemann

Mahnmal. Die wieder aufgebaute Ulrichskirche soll gegen Gewaltherrschaft mahnen und als ein Beitrag zur Wiedergutmachung für die sinnlose Zerstörung der Stadt Magdeburg durch den Zweiten Weltkrieg und den sozialistischen Städtebau gelten. So soll der Wiederaufbau der ältesten gesprengten deutschen Pfarrkirche auch für die über 60 sinnlosen Kirchensprengungen in der DDR stehen. Es ist angedacht, diese im rekonstruierten Kirchengebäude als Modelle mit Schautafeln aufzustellen.



Magdeburgs acht gesprengte Pfarrkirchen



In der DDR gesprengte Kirchen (unvollständig)

Die Erstellung eines definitiven Nutzungsprofils ist ein mittelfristiger und dynamischer Prozess. Aus dem Nutzungsprofil ergibt sich eine hohe touristische Anziehungskraft der Taufkirche Ottos von Guericke, deren Wirkung durch Turmbesteigung, Kirchenbesichtigung und Orgelkonzerte (Schnitger-Orgel) bedient und befördert wird. 

Stichpunktartige Zusammenfassung:

Mitte

Zentrumsbildung
Urbanisierung der Innenstadt
Belebung des zentralsten Platzes der Stadt

Identität

Grundstein deutscher Geschichte (Otto der Große und Ulrich von Augsburg)
Tauf- und Heiratskirche Ottos von Guericke, des größten Sohnes der Stadt Magdeburg Unverwechselbarkeit von Stadtgefüge, Stadtzentrum, Stadtbild und Stadtsilhouette

Citykirche

Haus für uns alle mitten in der City (Citykirche)
Ort des Glaubens, der Stille und der Einkehr nach Vorbild der Lübecker Petrikirche
Übernahme karitativer Aufgaben für die Bedürftigen unserer Gesellschaft

Protestantismus

"Schrein" für die weltberühmten Streitschriften und Magdeburger Centurien (Protestantische Kirchengeschichtsschreibung)
Denkmal für Matthias Flacius (1520-1575), den Initiator der Centurien
Unseres Herrgotts Kanzlei - Darstellung der aus der Reformation hervorgegangenen protestantischen Weltbewegungen für über 400 Millionen Menschen (Lutheraner, Baptisten, Methodisten, Mennoniten, Siebenten-Tages Adventisten, Reformierte, Calvinisten...)

Museum

Museum der Magdeburger Musikgeschichte/ Telemann-Museum
Nutzung des Alleinstellungsmerkmales Mitteldeutsche Barockmusik
Nutzung der barocken Schnitger-Orgel für akustische Demonstration
Konzerthalle für klassische Musik mit akustischen Bestnoten

Mahnmal

Dokumentation aller gesprengten Kirchen in der DDR mit Modell und Schautafel
Mahnmal gegen Krieg und Gewaltherrschaft
Gedenken an Opfer, Leid und Unrecht aus zwei Diktaturen
Gedenken an die Bekennende Kirche im "Dritten Reich"
Stetige Erinnerung an die mehrfache, sinnlose Zerstörung der Stadt Magdeburg
Teilwiedergutmachung für die sieben anderen abgerissenen Magdeburger Stadtpfarrkirchen

Der Förderverein Kuratorium Ulrichskirche e.V. ist eingetragen und hat die Gemeinnützigkeit mit Stand September 2008 erhalten. Zu den Hauptaufgaben des Vereins zählen nun die Erarbeitung von Leitlinien, die Verhandlung der Rahmenbedingungen für die gewünschte Nutzung und die Beschaffung von Geldmitteln. Wir freuen uns auf Ihre Mithilfe und Gesprächsbereitschaft!  Das Kuratorium Ulrichskirche e.V.


Zum Vergleich das Nutzungskonzept der Potsdamer Garnisonkirche: Die Garnisonkirche soll als offene Stadtkirche, als Ort der Versöhnung und als besondere Symbolkirche Türen zum Glauben öffnen. Diese Kirche bietet sich als ein Ort der Erinnerung, des Gebets und der Trauer für diejenigen an, die einen geliebten Menschen verloren haben, sei es als Soldat im Auslandseinsatz, als humanitärer Helfer in Krisenregionen oder als Journalist im Kriegsgebiet.

 
 
 
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Zitat des Monats

"Man braucht heute schon einiges an Phantasie, um sich vorzustellen, welch überragende Bedeutung Magdeburg einmal hatte, denn im Stadtbild finden sich dafür nur noch wenige Hinweise.“ (FAZ vom 3.4.2018)

 
 
Das Buch über die Ulrichskirche