31.10.15 05:43 Alter: 4 yrs
Kategorie: Aktuelles 2015

15:17 Uhr: Andacht am Ulrichskirchenmodell auf dem Ulrichplatz in MD


Liebe Mitglieder und Freunde des Kuratoriums Ulrichskirche,

am kommenden Samstag, dem 31. Oktober 2015, begehen wir den Reformationstag und den 8. Geburtstag unseres Kuratoriums. Die Reformation und die Eine Welt, unter diesem Thema feiern wir diesen Tag mit einer Andacht am Modell der Ulrichskirche, unter der Leitung von Dr. Matthias Sens. Beginn ist 15:17 Uhr. Wir laden Sie herzlich dazu ein. Wir freuen uns sehr auf Ihre Teilnahme.

  

Dr. Matthias Sens, Probst i.R., Andacht am 31.10.2015:

Einführung zum Jahresthema „Die Reformation und die Eine Welt“

„Die Reformation und die Eine Welt“ – Das Thema des letzten Jahres der Lutherdekade vor dem Jubiläumsjahr selbst hat viele Facetten. Was 1517 in einem Winkel des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation begann, hat binnen weniger Jahrzehnte Auswirkungen in ganz Europa gehabt. Das war nicht immer nur erfreulich; denn bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges waren die  Auseinandersetzungen um die Reformation ein prägender Faktor der europäischen Politik. Magdeburg hat das am eigenen Leibe erfahren. Die Zerstörung der Stadt 1631 war ein Ereignis von europäischem Rang.

Genau so stark wie die politische hatte sich die kirchliche Landschaft verändert. Es gab nun neben der großen römisch-katholischen Welt-Kirche eine Familie reformatorischer Kirchen, lutherisch, reformiert, anglikanisch und bald noch eine ganze Reihe weiterer Konfessionen. Auch diese Kirchen breiteten sich durch die Missionsbewegung vom 18. Jahrhundert an über die ganze Welt aus. So gibt es heute in ca. 100 Ländern lutherische Kirchen mit zusammen etwa 80 Millionen Mitgliedern. Unsere Evangelische Kirche in Mitteldeutschland hat eine Partnerschaft mit der Lutherischen Kirche in Tansania, die anders als bei uns eine wachsende Kirche ist. Selbst die Evangelische Brüder-Unität, die aus der kleinen Herrnhuter Brüdergemeine entstanden ist, hat heute in Deutschland einige Tausend, weltweit aber über 1 Million Gemeindeglieder, davon viele in Tansania und in Südafrika. 

Überall wird die Bibel in einheimischen Sprachen gelesen. Auch das ist eine Bewegung, die von der Reformation ausgegangen ist. Heute gibt es Bibeln oder Bibelteile in über tausend Sprachen. Das ist ein Zeichen der enormen kulturellen Vielfalt, von der heute die weltweite Gemeinschaft der Kirchen geprägt ist. Das ist eine große Bereicherung, aber auch eine große Aufgabe für die Kommunikation und das gegenseitige Verstehen. 

In der weltweiten Gemeinschaft der Kirchen, z.B. im Weltrat der Kirchen in Genf, stehen natürlich auch die Probleme der Einen Welt ständig auf der Tagesordnung, die Fragen von Krieg und Frieden, von Armut und Reichtum, von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit bis hin zum Klimawandel. Sich gegenseitig zu helfen und sich gemeinsam zu engagieren gehört zu den großen Aufgaben der weltweiten Gemeinschaft der Kirchen.

Die Reformation und später der Streit zwischen den Konfessionen hat immer wieder auch Flüchtlingsbewegungen in Gang gesetzt. Als der Große Kurfürst 1685 die Hugenotten ins Land gerufen hat, weil sie in ihrer Heimat nicht bleiben konnten, hat es auch in Magdeburg bei vielen Alteingesessenen erst mal lange Gesichter gegeben. Bis man gemerkt hat, welchen großen Beitrag diese Neuankömmlinge für die Entwicklung der Stadt und des Landes geleistet haben.
Wir sehen, das Thema „Die Reformation und die Eine Welt“ hat nicht nur viele Facetten, sondern kann auch sehr aktuell sein.

Ansprache über Gal 5,1+6:
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen. Denn in Christus gilt nichts anderes als der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“

Ich fange mal nicht mit Luther an, sondern mit Philipp Melanchthon, seinem Kollegen und Freund. Der sagt in den Loci communes, der ersten systematischen Zusammenfassung des evangelischen Glaubens: „Also, mit einem Wort: Christentum - das ist Freiheit“.  „Das Neue Testament ist nichts anderes als die Bekanntmachung dieser Freiheit.“

Was hat es mit dieser Freiheit auf sich? Sie kommt aus dem tiefen Vertrauen darauf, dass unser Leben von Gott getragen und gehalten ist. Wir sind von Gott geliebte und gewollte Menschen. Wir müssen uns die Liebe nicht erst verdienen, und wir müssen unsere Daseinsberechtigung nicht mit großen Leistungen nachweisen. Wir sind frei vom Zwang, uns immer wieder selbst rechtfertigen zu müssen. Wir können unsere Kräfte frei entfalten. Das verdanken wir Jesus.
Es ist  zuerst eine Freiheit von innen heraus. Es ist eine Freiheit des Herzens und des Geistes. Sie macht uns unabhängig und souverän. Sie hängt nicht an den äußeren Freiräumen, die wir haben. Sie schafft sich aber immer wieder Freiräume. Sie wird deshalb auch immer wieder zu freiheitlichem Denken und Handeln mitten in der Gesellschaft führen.

Es war kein Zufall, dass die Kirchen in der DDR Räume waren, von denen aus sich auch gesellschaftliche Freiheit wieder entfalten und nach außen hin wirken konnte. Die Freiheit des Glaubens war in den Gemeinden wach geblieben. Deshalb konnten auch für andere Menschen Räume der Freiheit angeboten werden. 
Heute erleben wir andere Zwänge, unter denen wir stehen. Der Leistungsdruck raubt vielen die Freiheit. Viele verspüren eine Notwendigkeit, sich anzupassen und sich zu fügen. Aber auch die eigenen Wünsche und Erwartungen sind hoch. Wir wollen immer mehr und setzen uns damit selbst und gegenseitig unter Druck.
Oder – ganz aktuell – die Sorge hält uns gefangen, dass wir in unserer Gesellschaft den großen Herausforderungen, vor denen wir stehen, nicht gewachsen sind, dass wir es nicht schaffen, den Problemen, vor die uns die Eine Welt stellt, angemessen zu begegnen. Da ist es wichtig, dass wir uns immer wieder bewusst machen, wie viel innere Freiheit uns der Glaube schenken kann. Es mag schwierig sein, aber wir bleiben von Hoffnung und Vertrauen getragen. Wir nehmen die Probleme ernst, aber wir lassen uns nicht von allen möglichen Ängsten und Sorgen bestimmen.

 Alles soll geschehen „im Glauben, der durch die Liebe tätig ist.“ Nichts anderes gilt, sagt der Apostel Paulus.
Das ist nun ein ganz besonderes Stück Freiheit: Der Glaube macht uns frei für die Liebe zum Nächsten. So frei sind wir, dass wir mit anderen unser Leben teilen können, dass wir in Liebe und Achtung mit ihnen zusammen leben, dass wir ihre Sorgen und Nöte zu unseren eigenen machen können.
Freiheit gibt es nur gemeinsam. Da gilt der einfache Grundsatz: Nur wenn auch der andere seine reelle Chance zum Leben hat, werde auch ich frei sein, meine Chancen zu nutzen. Je mehr Menschen nach diesem Grundsatz leben, desto größer wird die Freiheit.

Ja, wir sind so frei, dass wir auch die Menschen, die oft so anders sind als wir, ohne Vorurteile in den Blick nehmen können, und wir mit ihnen zusammen leben können.  Dann kann der friedliche und gerechte Aus-gleich in der Einen Welt zum gemeinsamen Weg in die Freiheit werden.